Kunstpolitik

Die Kunst spiegelt ungewollt die aktuelle neoliberale Zerrissenheit der Gesellschaft deutlich wider:

auf der einen Seite der elitäre, hyperprominente (und nach wie vor vorwiegend auf NATO-Länder sowie deren Interessensregionen zentrierte) Kunstmarkt der art Basel und ähnlicher Kunstmessen; auf der anderen Seite die aus den entlegensten Ecken der Welt zusammengeholte low-budget-Kunst unter dem Theorie-Kuratel halbintellektueller Kuratoren (z. B. documenta).

Das Problem der Infantilisierung beziehungsweise der Zerstörung von Erwachsenheit und mündiger Bürgerlichkeit stellt sich hier wie folgt: Relevante Kunst, die gesellschaftlich etwas bewegen könnte, wird der Öffentlichkeit weitgehend entzogen und verliert dadurch an Relevanz. Statt dessen wird die Öffentlichkeit mit irrelevanter Kunst überschwemmt.

Durch „Inklusion“ von Kunstschaffenden aus entlegenen Weltgegenden wird postkoloniale Aufgeschlossenheit beansprucht. Dies führt in Wahrheit aber nur zur Liquidierung des für die revolutionäre bürgerliche Kunst entscheidenden Prinzips der Exzellenz. (Es war die revolutionäre Bourgeoisie, die gegen den Adel die Figur des „großen Künstlers“ bzw. der „großen Künstlerin“ entworfen hatte, die in der Lage waren, gesellschaftliche Veränderungen und Revolutionen auszulösen.) Und die Vertreterinnen und Vertreter aus den entlegenen Weltgegenden dürfen, da man ihre kulturellen Kontexte ja nicht kennt, meist nur angewandte Kunst machen (z. B. schwarzes Bier brauen, wie auf der aktuellen documenta, oder interaktiv Nudelsuppen kochen, wie auf der documenta X).

Auf diese Weise reproduziert die „postkoloniale“ Absicht das koloniale Verhältnis: Wer aus den zentralen Weltregionen kommt, darf nach wie vor die Kunst machen, die er/sie richtig findet (z. B. Lois Weinbergers Anbau von ortsfremden Pflanzen auf einer Straße bei der documenta X). Alle anderen dürfen nur Speisen und Getränke servieren – oder aber sie müssen ihre Herkunft in plakativer Weise in den Vordergrund stellen (Künstler aus Israel müssen etwas zum Holocaust oder zum Massaker in Sabra und Schatila zeigen. Aber ja keine fremden Pflanzen!).

So vermeldete die documenta 11, kuratiert von Okwui Enwezor, stolz über eine der von ihr präsentierten Künstlerinnen:

„[die Künstlerin] gehört zu einer neuen Künstlergeneration, die auf Grund der Tatsache, dass sie im Land ihrer Geburt leben und arbeiten, internationale Anerkennung gefunden haben.“

kunstforum international, Bd. 161, August – Oktober 2002: Die documenta 11: 137.

„Bleibt zu Hause und kümmert euch nur um eure eigenen Angelegenheiten – und erhebt bitte niemals irgendwelche umfassenderen, allgemeineren Ansprüche!“

Meist werden gerade in den „postkolonial“ kuratierten Ausstellungen jene Anderen, die man großzügig zu Wort kommen lassen wollte, imperialistisch bevormundet. Sie haben gefälligst ihre eigene regionale Lage zu thematisieren und werden ausgeschlossen, wenn sie etwas anderes als kümmerliche und armselige Zeugnisse davon vorlegen. Darauf hat Nicolas Bourriaud vor kurzem hellsichtig hingewiesen:

„Die Politik der ‚Anerkennung des Anderen’ […] stellt sich als Maschine der Inferiorisierung heraus, impliziert die Unterwerfung der Individuen, die aus ‚peripheren’ Ländern stammen, unter ihre Folklore [… ]“ (Bourriaud 2007: 37).

Bourriaud, Nicolas
2007 Über Altermodernität. Interview von Rita Vitorelli, in: spike art quarterly No. 11 2007: 32-38.

Das strukturelle Problem des Kunstfeldes besteht in der Dominanz der Kuratoren über die Künstler. Als theoretisch Halbgebildete verängstigen die Kuratoren mit schlecht verdauter Großtheorie sowohl Künstler wie Publikum und unterwerfen die Innovation der Kunst den veralteten Gemeinplätzen ihrer – nicht auf Erkenntnis, sondern allein auf Prestigegewinn orientierten – Thesen.

Dieses Problem hängt übrigens eng zusammen mit den derzeit üblichen Fehldefinitionen von „künstlerischer Forschung“ und der Art, wie künstlerische PhD-Programme an EU-Universitäten implementiert werden. Dies trägt beträchtlich bei zur Dominanz von Pseudotheorie über Kunst, sowie zur Dominanz von Verwaltung (die Geschriebenes liebt) über Kunst und Theorie.

Siehe dazu:

https://l.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fm.art-magazin.de%2Fkunst%2F20368-rtkl-documenta-14-die-kritik-kunsterziehung&h=ATPicfJg09GZLElT_G71spL9ZZ6zt2VEkyA92HAXCB6nKTcZn5EGzVPjzFF-VTBs9WsexxzyZAng0j11wYcouJhlYWwhnRJ5fv9pXs90BCOQDrI6O9f69amw_-bYEhpc5GB1Tgs1FdPV22DiyOY&s=1

Keine Documenta hatte so große Ambitionen wie diese. Und keine hat für den Besucher so hohe Hürden errichtet. Das Hauptproblem aber ist: Adam Szymczyk und seine Kuratoren nehmen ihre Thesen wichtiger als die Kunst und die Künstler. Warum die Documenta 14 gründlich danebengegangen ist – und es sich trotzdem lohnt, nach Kassel zu fahren.“

http://www.zeit.de/2017/26/wiener-festwochen-kunst-performance-diskurs

Thomas Mießgang:

Verloren in Diskursistan
Die Wiener Festwochen wollten in der ersten Saison ihrer neuen Ära besonders niederschwellig und barrierefrei auftreten und erschlossen zu diesem Zweck dezentrale Spielorte weit weg von dem innerstädtischen Tempelbezirk der Elitekultur. Doch obwohl die Veranstalter im Vorfeld das Century of the Migrant ausgerufen hatten, konnte man Menschen mit Migrationshintergrund nur auf der Bühne des FlüchtlingsmusicalsTraiskirchen sehen – nicht jedoch im Publikum. Anstatt die Besucher mit ausgebreiteten Armen zu empfangen, präsentierte sich das Festival elitärer denn je. „Hier war eine kleine Clique unter sich“, urteilte diePresse. Warum überhaupt ein Festival, das sich seit Langem als eine der wenigen verlässlichen Kulturinstitutionen bewährt hat, auf Teufel komm raus auf den Kopf gestellt werden musste, erschloss sich durch diesen Zirkus der Angeblichkeiten keinen Augenblick lang.

2013 http://www.zeit.de/2015/13/kunst-vermittlung-museum/komplettansicht

Stoppt die Banalisierung!

In vielen Museen herrschen die missionarischen Kunstvermittler: Alles soll für alle möglichst verständlich aufbereitet werden. Doch das ist grundverkehrt.

Von  Wolfgang Ullrich

„Kunstvermittler […] sind höchst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab.“

http://derstandard.at/1385170130643/Wolfgang-Ullrich-Als-Statussymbol-unschlagbar

Im Bereich der bildenden Kunst fehlt, im Gegensatz zur Literatur- und Musikszene, eine Art guter Mittelbereich. Nicht einmal die Kunstvereine erfüllen ihre eigentliche Aufgabe. Sie entstanden aus der Mitte der Bürgerschaft – und waren für die Bürger gedacht. Sie sollten eben nicht elitär sein. Aber die meisten Kunstvereine sind elitär – in ganz anderer Weise allerdings als der Kunstmarkt: Die Kunst, die sie präsentieren, muss aus dem hintersten Albanien kommen, und nur fünf Leute können halbwegs kapieren, was der Künstler mit seiner Arbeit will. – derstandard.at/1385170130643/Wolfgang-Ullrich-Als-Statussymbol-unschlagbar

vgl. dazu:

Härtel, Insa
2009 Symbolische Ordnungen umschreiben. Autorität, Autorschaft und Handlungsmacht, Bielefeld: transkript

Bezeichnend in bezug auf die Frage von Autorschaft in der Literatur: Gerade in dem Moment, als auch Frauen und Angehörige marginaler Gruppen in größerer Zahl Zugang zu dieser Position zu gewinnen schienen, setzte die postmoderne Literatur mit der Kritik am Begriff des Autors ein und blies die Fanfaren zu seiner Abschaffung oder zur Feststellung seines „Todes“ (siehe Härtel 2009: 11).

Ullrich, Wolfgang:
2003 Tiefer hängen! Über den Umgang mit der Kunst, 2. Aufl. Berlin: Wagenbach

Pfaller, Robert
Philosophie und spontane Philosophie der Kunst, in: texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik, Heft 2/ 09/ 29. Jg., S. 64-77